Aktuelles

Rückblick 1. Fachforum „Gewinnung, Qualifizierung und Integration von geflüchteten Menschen in Pflege- und Gesundheitsfachberufe“

Auf der Fachtagung „Gewinnung, Qualifizierung und Integration von geflüchteten Menschen in Pflege- und Gesundheitsfachberufe“ in Düsseldorf diskutierten rund 120 Gäste darüber, wie geflüchtete Menschen für diese Berufe gewonnen werden können, wie sie für die unterschiedlichen Arbeitsbereiche qualifiziert und langfristig integriert werden können.

Die berufIiche Integration von geflüchteten Menschen und der Fachkräftengpass in den Pflege- und Gesundheitsberufen sind nach wie vor hochaktuelle Themen: Das zeigte allein schon der große Andrang, der am 18. Januar 2018 bei der Fachtagung „Gewinnung, Qualifizierung und Integration von geflüchteten Menschen in Pflege- und Gesundheitsfachberufe“ der Koordinierungsstelle „welcome@healthcare“ herrschte. Rund 120 Gäste diskutierten im Düsseldorfer FFFZ unter anderem darüber, wie Hemmnisse im Arbeitsmarktzugang abgebaut werden können und Qualifizierungsprojekte dafür finanziert werden können.

Die zahlreichen Referentinnen und Referenten waren aus ganz Nordrhein-Westfalen angereist, um in vier Workshops über ihre Themen und Projekte zu sprechen, Fragen zu beantworten und mit den Teilnehmenden mögliche Lösungsansätze zu diskutieren.

Zum Einstieg in die Veranstaltung betonte Christian Heine-Göttelmann, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege NRW, dass die Integration von geflüchteten Menschen sowie der Fachkräfteengpass Themen seien, die die Freie Wohlfahrtspflege sehr bewegten. Die berufliche Integration dürfe nicht an bürokratischen Hürden scheitern, so Heine-Göttelmann. Auch Dr. Edmund Heller, Staatssekretär im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales, appellierte an die zuständigen Stellen „einladend und nicht abwehrend zu arbeiten“.

Sebastian Riebandt, Fachreferent in der Koordinierungsstelle „welcome@healthcare“, stellte zunächst aktuelle Daten zur Zielgruppe der geflüchteten Menschen und zum Fachkräfteengpass in den Pflegeberufen in Nordrhein-Westfalen vor, bevor er die Arbeitsergebnisse des ersten Projektjahres der Koordinierungsstelle vorstellte. „Bislang konnten wir rund 40 Projekte, Initiativen und Maßnahmen ermitteln, die geflüchtete Menschen für eine Ausbildung in den Pflegeberufen vorbereiten oder Ausbildungen auf unterschiedlichen Niveaustufen anbieten“, sagte Riebandt. Aus Anfragen wisse man zudem, dass die unterschiedlichen Zielgruppen, wie beispielweise Geflüchtete, Ehrenamtliche oder ausbildende Akteurinnen und Akteure selbst, ganz unterschiedliche Informationsbedarfe haben. Diese Bedarfe nähme man auf, um zielgruppenspezifische Beratungs- und Informationsansätze zu entwickeln. Dazu gehören regionale Netzwerktreffen oder Informationsveranstaltungen für geflüchtete Menschen.

Dass es unterschiedliche Informationsbedarfe gibt, machte auch Dr. Andrea Kuckert-Wöstheinrich in ihrem Vortrag deutlich. Die Referentin berichtete über die Qualifizierungsmöglichkeiten für Menschen mit Fluchterfahrungen bei den St. Augustinus Kliniken in Neuss und die damit verbundenen Schritte der Organisationsentwicklung. Dr. Kuckert-Wöstheinrich, die lange Jahre an einer Hochschule in den Niederlanden tätig war, entwickelte dazu das Schulungsprogramm „caring in a cultural context“. Das Programm soll dazu beitragen, dass die Mitarbeitenden sich mit der eigenen Identität auseinandersetzen und sich dessen bewusst werden, dass die eigene Biographie und Sozialisation einen Einfluss auf die subjektive Wahrnehmung und Bewertung der Wirklichkeit haben. Es gehe vor allem darum, eine verstehende Haltung einzunehmen und das Hinterfragen von Situationen, die wir aus unserem kulturellen Kontext heraus nicht gleich verstehen, nicht zu verlernen, so Dr. Kuckert-Wöstheinrich.

Im Workshop Qualifizierung und Ausbildung stellten drei Qualifizierungsprojekte aus Nordrhein-Westfalen ihre Arbeit vor. Die Teilnehmenden des Workshops waren vor allem daran interessiert, wie mit Sprachbarrieren in den unterschiedlichen Projekten umgegangen wird, wie die Projekte finanziert werden oder wie der Umgang mit fehlenden Schulabschlüssen gelingen kann. Sina Yumi Wagner, die als Projektleiterin bei der Akademie für Pflegeberufe und Management (apm) tätig ist, stellte das Projekt „Care for integration“ vor, das auf die Problematik fehlender Schulabschlüsse reagiert: Im Verlauf der Ausbildung in der Altenpflegehilfe wird der Hauptschulabschluss parallel zur Berufsausbildung erworben. Eines wurde in allen Vorträgen deutlich: Es braucht jemanden, der sich persönlich um die Probleme der Geflüchteten kümmert und sie bei der Lösung unterstützt; sei es im Fall fehlender Dokumente oder bei der Eröffnung eines Bankkontos.

Im zweiten Workshop Förderung, Kooperation und Netzwerkarbeit gingen die Teilnehmenden der Frage nach, welche Unterstützungsmöglichkeiten für berufliche Qualifizierung es generell gibt und wie sich besonders durchdachte Rahmenbedingungen auf den Übergang von Geflüchteten in Beschäftigung auswirken. Stephanie Schmidt, Beraterin bei der Regionaldirektion Nordrhein-Westfalen der Bundesagentur für Arbeit, informierte die Teilnehmenden über allgemeine Zugangsvoraussetzungen für den Zugang zum Arbeitsmarkt, aber auch zu konkreten Fördermöglichkeiten der beruflichen Qualifizierung. „Die Rückmeldungen aus den Diskussionen lassen wir, wo möglich, in die Überlegungen der Regionaldirektion einfließen“, sagte Schmidt. Die berufliche und soziale Integration von geflüchteten Menschen berührt in der Regel mehrere Rechtskreise. Dagmar Beck und Marius Kamrowski berichteten anschaulich darüber, wie im Haus der Integration das Ressort Zuwanderung und Integration der Stadt Wuppertal, das Jobcenter und die Bundesagentur für Arbeit unter einem Dach ihre Dienstleistungen für Zugewanderte und Geflüchtete anbieten. Dass das gelingt, sei vor allem den kurzen Wegen und dem Umstand zu verdanken, dass die Arbeit im Haus konsequent vernetzt sei, so Beck und Kamrowski.

Die Ansprache und Gewinnung von geflüchteten Menschen standen im Fokus des dritten Workshops. Diskutiert wurden unter anderem Möglichkeiten, wie geflüchtete Menschen über die Pflegeberufe informiert werden können, denn Berufsbilder wie die Altenpflege sind in vielen Ländern unbekannt: Die Pflege alter Menschen findet dort in der Regel im familiären Setting statt. Dirk Hermann, Referent für Freiwilligendienste der Diakonie in Süd-Westfalen, erklärte, wie die Diakonie geflüchtete Menschen über das Freiwillige Soziale Jahr für die Pflegeberufe gewinnt und vorbereitet. Mit Erfolg: Im Jahr 2017 begannen fünf Auszubildende die Ausbildung in der Altenpflege und auch 2018 werden sechs weitere Auszubildende ihre Ausbildung in der Altenpflege beginnen.

Rechtliche und lebensweltliche Rahmenbedingungen bestimmen die Möglichkeiten eine Ausbildung beginnen und diese erfolgreich beenden zu können in großem Maße mit. Doch herrschen gerade bei rechtlichen Fragen oft große Unsicherheiten. Heidemarie Jeep, die das Projekt „Stark im Beruf - Mütter mit Migrationshintergrund steigen ein“ beim Bonner Verein für Pflege- und Gesundheitsberufe e. V. leitet, informierte die Teilnehmenden im Workshop über Grundlagen des Asylrechts und stellte sich beispielweise Fragen zur Ausbildungsduldung. Unterstützt wurde sie dabei von der Workshopmoderatorin Dara Franjic. Heidemarie Jeep berichtete zudem von dem Projekt, das sie leitet.Im Projekt werden Mütter mit Migrationshintergrund und geflüchtete Frauen dabei unterstützt, berufliche Perspektiven in einem Pflegeberuf zu entwickeln und sie werden auch beim Einstieg in das Berufsleben begleitet.

In der nachfolgenden Podiumsdiskussion stellten sich die Diskutierenden den Fragen des Moderators Michael Brocker, der durch den Tag führte. In den Diskussionen wurde nochmals deutlich, dass die berufliche Integration kein einfaches und schnelles Unterfangen ist. Bei den langen und oftmals komplizierten Wegen bis zur Ausbildung seien daher Vorbilder für die Menschen mit Fluchterfahrung wichtig, die den langen Weg zur Ausbildung schon erfolgreich gegangen sind, merkte Edith Kühnle, Geschäftsführerin des Bonner Vereins für Pflege- und Gesundheitsberufe e. V., an. Nicht zuletzt durch die bevorstehenden Veränderungen durch das Pflegeberufereformgesetz stehen viele Einrichtungen vor enormen Herausforderungen. Schon jetzt gibt es einen eklatanten Mangel an Pflegepädagoginnen und Pflegepädagogen, der sich durch die anstehenden Veränderungen noch verschärfen kann. Gerhard Herrmann, Abteilungsleiter im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, versicherte, dass man bereits mit Hochschulen im Kontakt stehe, um weitere Studiengänge mit pflegepädagogischer Ausrichtung zu etablieren, aber auch kurzfristig wirkende Lösungen seien bereits im Gespräch.


Einige Menschen mit Flucht- oder Migrationserfahrung verfügen bereits über eine Ausbildung in einem pflegerischen, therapeutischen oder medizinischen Beruf. Für sie bietet die Möglichkeit der beruflichen Anerkennung eine gute Perspektive, um schnell im deutschen Gesundheitswesen Fuß zu fassen. Ermutigend ist es, so Dr. Martina Erken, Projektleiterin am mibeg-Institut Medizin, "dass in Nordrhein-Westfalen allein mit dem öffentlich geförderten Programm IQuaMed in drei Jahren über 1800 Gesundheitsfachkräfte, die aus dem Ausland kamen, beraten werden konnten und davon bereits 600 Gesundheitsfachkräfte in Hinblick auf ihre Anerkennung qualifiziert worden sind bzw. ihre Anerkennung erlangt haben. Diese neu geschaffenen Wege zur Anerkennung gilt es zu sichern und auszubauen."


Die Tagung machte deutlich, dass viele Einrichtungen bereit sind, geflüchteten Menschen eine Perspektive in den Pflege- und Gesundheitsberufen zu ermöglichen, aber auch, dass noch ein großer Informationsbedarf besteht. „Die Impulse aus der Fachpraxis der Teilnehmenden sind für uns sehr wichtig. Wir nehmen sie auf und werden sie einbeziehen, wenn es darum geht, das Angebot der Koordinierungsstelle weiterzuentwickeln“, sagte Oliver Baiocco, der die Gesamtverantwortung des Projektes für den Paritätischen trägt.

 

Download der Präsentationen:

Sebastian Riebandt: Wie kann die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten in den Pflege- und Gesundheitsberufen gelingen?

Dr. Andrea Kuckert Wöstheinrich: Wenn Du nicht pünktlich kommst, hat das Konsequenzen! Wie gelingt ein gemeinsames Miteinander?

Rhabea Büchter: Projekt Integrationsklasse: "U wanna be our trainee?!"

Sina Yumi Wagner: Care for integration. Zukunftsperspektive für geflüchtete Menschen durch Ausbildung in der Altenpflege.

Alexander Gabriel: Die Caritas stellt ein! Wie wir geflüchtete Menschen zu Kolleginnen und Kollegen in der Pflege machen.

Stephanie Schmidt: Fördermöglichkeiten für berufliche Qualifizierungsmöglichkeiten.

Dagmar Beck und Marius Kamrowski: Das Haus der Integration – Beispiel einer gelungenen Rechtskreis-übergreifenden Zusammenarbeit in Wuppertal.

Dirk Hermann: Pflege kennt keine Grenzen - Integration junger Geflüchteter in eine Pflegeausbildung.

Seda Arslan: Ressourcenorientierte Qualifizierte Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten in der Region Niederrhein (RessQu-AG Niederrhein).

Heidemarie Jeep: Lebensweltliche Rahmenbedingungen, die geflüchteten Menschen eine erfolgreiche Ausbildung und einen Berufseinstieg ermöglichen.

Katharina Schwarz: Arbeits- und Ausbildungserlaubnis - Rechtliche Grundlagen für Einrichtungen und Betriebe.