Aktuelles

Im Gespräch: Reiner Siebert - Projektleiter von "InCoach" beim BiG in Essen

Reiner Siebert leitet das Projekt „InCoach“ und unterstützt die Rekrutierung für den „Anpassungslehrgang für ausländische Pflegekräfte in der Gesundheits- und Krankenpflege“ der BiG – Bildungsinstitut im Gesundheitswesen gemeinnützige GmbH in Essen.

"Die Klienten benötigen eine kontinuierliche Beratung und Begleitung"

Reiner Siebert, 58, ist Projektleiter von „InCoach“ und unterstützt die Rekrutierung der Teilnehmenden mit Fluchthintergrund für den „Anpassungslehrgang für ausländische Pflegekräfte in der Gesundheits- und Krankenpflege“ der BiG – Bildungsinstitut im Gesundheitswesen gemeinnützige GmbH in Essen.

 

 


Herr Siebert, welche Ausbildungsmöglichkeiten bietet das BiG für eingewanderte Pflegekräfte?
Wir bieten den einjährigen „Anpassungslehrgang für ausländische Pflegekräfte in der Gesundheits- und Krankenpflege“, die auf zwei Jahre verkürzte Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege sowie eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegeassistenz an. Der gestiegene Bedarf nach Kursen für eingewanderte berufserfahrene Fach- oder Hilfskräfte in der Pflege ist besonders aus dem seit dem 1. Januar 2016 laufenden Projekt „InCoach“ deutlich geworden, das durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfond gefördert wird. Es bietet Geflüchteten ein klientenzentriertes Case Management, um ihre Voraussetzungen für Ausbildung und Beschäftigung zu verbessern und sie in ein Ausbildungs- und Beschäftigungsverhältnis möglichst nachhaltig zu integrieren. Die Beratung erfolgt zunächst berufsoffen. Für uns als Bildungseinrichtung im Gesundheitswesen ist es aber natürlich interessant, unter den Geflüchteten alle potenziell Interessierten für die Pflege zu identifizieren und sie entsprechend weiter zu qualifizieren.

Deswegen haben Sie den Anpassungslehrgang entwickelt?
Nein, alle Lehrgänge waren im BiG schon vor dem Projekt zumindest in Planung, nur der Bedarf für Menschen mit Fluchthintergrund ist während des Projekts „InCoach“ deutlicher geworden. Denn wir haben erkannt, dass es unter den Geflüchteten zahlreiche Personen mit Vorerfahrungen und bereits erworbenen Qualifikationen in der Pflege gibt. Diese Abschlüsse ermöglichen ihnen aber noch nicht, als Hilfskraft, geschweige denn als Fachkraft, in der Pflege in Deutschland zu arbeiten. Sie stoßen auf zahlreiche Hürden.
Ziel des Anpassungslehrgangs ist es, ausländische Teilnehmende mit Ausbildung und Berufserfahrung im Herkunftsland auf die Anerkennung als Gesundheits- und Krankenpflegerin bzw. Gesundheits- und Krankenpfleger strukturiert vorzubereiten. Dafür muss aber nicht nur ein detaillierter Anerkennungsbescheid der Bezirksregierung vorliegen, aus dem hervorgeht, was „angepasst“, das heißt nachgeholt werden muss. Die Deutschkenntnisse müssen auf gutem B2-Niveau sein. Optional kommt die zweijährige verkürzte Ausbildung in Betracht. Sie bietet deutlich mehr Zeit als der Anpassungslehrgang, sich an die theoretischen und praktischen Anforderungen des Berufs anzupassen. Interessierte Neueinsteiger oder Pflegekräfte ohne anerkennungsfähige Papiere müssen hingegen zunächst die einjährige Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegeassistenz durchlaufen.

Wie verläuft das Projekt „InCoach“?
„InCoach“ gliedert sich in mehrere Phasen. Zunächst wird die soziale, rechtliche und berufliche Bedarfslage der jeweiligen Person mit Fluchthintergrund eingeschätzt und die Notwendigkeit der Anerkennung von Schul- bzw. Berufsabschlüssen geprüft. Danach werden individuelle Maßnahmen geplant, um die Integration ins Erwerbsleben zu fördern.

Wie verläuft der Anpassungslehrgang?
Der Lehrgang dauert elf Monate. Der Aufbau des Lehrgangs gliedert sich in theoretisch-praktischen Unterricht mit ca. 600 Unterrichtsstunden und der praktischen Ausbildung mit ca. 1.200 Stunden in verschiedenen Einsatzstellen in Krankenhäusern und ambulanten Einrichtungen.

Welche Zulassungsvoraussetzungen bestehen, um den Lehrgang absolvieren zu können?
Die Zugangsvoraussetzung für den Anpassungslehrgang ist ein Bescheid der Bezirksregierung über die Gleichwertigkeit der ausländischen Ausbildung, ausreichende Deutschkenntnisse sowie ein Bildungsgutschein der zuständigen Agentur für Arbeit bzw. des Jobcenters.

Seit wann gibt es das Angebot?
Das Angebot gibt es seit Mitte 2016. Der jüngste Anpassungslehrgang endete im Januar 2019, im Februar sollte dann ein weiterer Kurs starten, doch der kam nicht zustande, weil es derzeit zu wenige Bewerberinnen und Bewerber gibt, die alle drei Voraussetzungen erfüllen.

Woran liegt das?
Pro Lehrgang können rund 20 Teilnehmende qualifiziert werden. 15 müssen es aber mindestens sein, damit wir die Kosten decken können und auch das gelingt nur durch die begleitende Projektfinanzierung. Sowohl bei „InCoach“ als auch beim Anpassungslehrgang hat es sich als essentiell erwiesen, die Klienten kontinuierlich zu beraten und zu begleiten. Von der Sprachförderung über die Sicherstellung von Finanzierungen bis hin zu Fragen bezüglich des Aufenthaltsstatus stellen sich den betroffenen Personen zahlreiche, mitunter existenzielle Fragen. Was sich ebenfalls als schwierig erwiesen hat, ist die extrem lange Vorbereitungsphase, bis die Betroffenen am Lehrgang teilnehmen können. So muss zunächst der Aufenthaltsstatus geklärt, die Grundlagen in Deutsch geschaffen, zahlreiche Papiere bei der Bezirksregierung eingereicht werden. An diese zu gelangen, sie übersetzen zu lassen und genehmigt zu bekommen, erfordert oftmals einen langen Atem.

Welche Unterstützung bieten Sie als Ausbildungsträger an?
Aus „InCoach“ heraus sind wir zentrale Ansprechpartner für die Klienten mit Fluchthintergrund. Die Kolleginnen der Krankenpflegeschule begleiten alle Teilnehmenden intensiv während der Lern- und Praxisphasen. Bei besonderen Anliegen oder Fragestellungen mit Bezug zu Migration oder Integration beziehen sie uns mit ein.

Wie kann die Nachhaltigkeit des Angebots gesichert werden?
Wir befinden uns derzeit in der Umbruchphase zur Neuordnung der Pflegeausbildung. Wir wissen aktuell noch nicht, ob und wie die einjährige Ausbildung zur Pflegeassistenz, die verkürzte Ausbildung oder der Anpassungslehrgang genehmigt werden, wenn die Vollzeitausbildung nur noch aus zwei Jahren Generalistik und einem Jahr Spezialisierung, etwa für Kranken- oder Altenpflege besteht.
Aktuell sind unsere Ausbildungskapazitäten komplett durch die verkürzte Ausbildung erschöpft, weil viele Krankenhäuser langjährige Hilfskräfte noch vor der Umstellung der Ausbildung examinieren lassen wollen. Da bleibt leider für Sonderprogramme wenig Raum. Aber auch die Finanzierung der Ausbildung muss verändert werden. Statt über Bildungsgutscheine muss auch die Ausbildung besonderer Zielgruppen aus dem Ausbildungsfonds gefördert werden.

Herr Siebert, vielen Dank für das Gespräch.