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Im Gespräch: Katrin Rüttger - Integrationsmanagerin bei der Johanniter-Akademie in Oberhausen

Katrin Rüttger ist Integrationsmanagerin bei der Johanniter-Akademie in Oberhausen und koordiniert das Projekt „ZIEL: Gesundheitsfachberuf Pflege“.

"Wichtig ist, ein Vertrauensverhältnis zu entwickeln"

Katrin Rüttger, 35, ist Integrationsmanagerin bei der Johanniter-Akademie in Oberhausen. Sie koordiniert das Projekt „ZIEL: Gesundheitsfachberuf Pflege“, das seit April 2018 an mehreren Standorten der Johanniter-Akademie bundesweit angeboten wird.

 

 


Frau Rüttger, was ist das Ziel des Projekts „ZIEL: Gesundheitsfachberuf Pflege“?
Ziel ist es, Menschen mit Fluchthintergrund im Berufsfeld Pflege auf dem ersten Arbeitsmarkt zu qualifizieren und ihnen berufliche Perspektiven aufzuzeigen. Hierfür haben wir im Rahmen des Projekts „ZIEL: Gesundheitsfachberuf Pflege“ ein Ausbildungskonzept entwickelt, die über drei Module erfolgt. Das Angebot ist noch recht jung, sodass wir hier am Standort Oberhausen bzw. vormals Bottrop – wir sind im Dezember 2018 umgezogen – erst eine Gruppe von zehn Teilnehmern im ersten Modul begleitet haben. Im ersten Halbjahr 2019 werden wir jedoch auch die Module 2 und 3 anbieten. Das Projekt wird bundesweit von einer wachsenden Zahl von Johanniter-Standorten angeboten; der Münchner Standort ist momentan der einzige, der bereits alle drei Module durchgeführt hat.

Können Sie die einzelnen Module bitte vorstellen?
Modul 1 trägt den Titel „Erste Hilfe – Erstes Deutsch“. Es umfasst 80 Stunden und erfolgt über einen Zeitraum von ungefähr einem Monat. Das erste Modul erfordert keinerlei Voraussetzungen, weder im Fachlichen noch in der Sprachfertigkeit. Ein Status im Rahmen des Asylbewerberverfahrens ist ebenfalls nicht notwendig. Ziel des ersten Moduls ist es, Grundkenntnisse der deutschen Sprache zu erwerben. Zudem durchlaufen die Teilnehmenden einen Erste-Hilfe-Kurs, wie man ihn beispielsweise von der Führerschein-Prüfung kennt. Wenn das Modul absolviert wurde, sind die Teilnehmer als Ersthelfer nach DGUV-Grundsatz 304-001 einsetzbar. Im Kurs führen wir dann zudem ein Assessment durch und überlegen gemeinsam mit den Teilnehmern, ob eine Weiterqualifizierung im medizinischen Bereich in Frage kommt.

Was beinhaltet Modul 2?
Für das zweite Modul „Betreuungsassistent“ ist es von Vorteil, wenn Modul 1 bereits abgeschlossen und die Sprachfertigkeit weiterentwickelt worden ist. Das zweite Modul hat einen Umfang von 240 Stunden. Davon entfallen 100 Stunden auf den Vorbereitungskurs zum Betreuungsassistenten. Im Rahmen von 60 Stunden finden bereits begleitete Hospitationen in Pflegeeinrichtungen statt. 40 Stunden Sprachtraining und 40 Stunden Training zur Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt runden das Modul ab. Nach erfolgreicher Teilnahme ist schon ein Einsatz im Rahmen des Ehrenamts oder – sofern ein Aufenthaltstitel vorliegt – des Freiwilligendienstes möglich. Die Tätigkeit ist als Brücke in den ersten Arbeitsmarkt gedacht. Denn ein Engagement im Ehrenamt oder im Bundesfreiwilligendienst fördert die Sprachfähigkeit, soziale Kontakte und damit die Integration des Neuankömmlings.

Was beinhaltet Modul 3?
Das dritte Modul umfasst 460 Stunden und ermöglicht eine Einsetzbarkeit im Berufsfeld Pflege auf dem ersten Arbeitsmarkt – als „Pflegediensthelfer“. Diese niedrigschwellige Qualifizierung setzt eine Sprachfähigkeit voraus, die ein Verfolgen des in Deutsch gehaltenen Unterrichts und eine Verständigung im Rahmen der Praktika ermöglicht. Wichtig zu wissen ist: Die drei Module folgen in der Regel nicht lückenlos aufeinander. Vielmehr können zum Beispiel zwischenzeitlich andere vorbereitende Maßnahmen erfolgen.

Welche beruflichen Möglichkeiten haben die Absolventen?
Als Pflegediensthelfer hat man eine berufliche Qualifizierung erworben und ist natürlich in der Pflege einsetzbar. Darüber hinaus besteht auch viele weiter Möglichkeiten zur Weiterqualifizierung. So können die Teilnehmer sich beispielsweise als „Betreuungskraft Demenz“ qualifizieren oder eine erweiterte Qualifikation erwerben, um Behandlungspflege wie Verbandwechsel, Medikamentengabe oder Blutzucker-Messung durchzuführen.
Da vor allem der Bedarf an examinierten Pflegekräften sehr groß ist, freuen wir uns besonders darüber, dass das Projekt „ZIEL: Gesundheitsfachberuf Pflege“ als vorgeschaltete Maßnahme auf die grundständige Ausbildung vorbereitet, die mit dem entsprechenden Schulabschluss begonnen werden und unter bestimmten Voraussetzungen sogar auf zwei Jahre verkürzt werden kann.

Am Standort Oberhausen hat bislang erst eine Gruppe von zehn Personen das erste Modul absolviert. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Wir sind insgesamt sehr zufrieden. Über das Training der Ersten Hilfe und der deutschen Sprache hinaus fand ein Assessment-Center zur Kompetenzerfassung statt. Dabei kam heraus, dass bei mindestens 50 Prozent der Teilnehmer auf beiden Seiten ein Interesse bzw. eine Eignung vorliegt, um sich kurzfristig im Rahmen der Module 2 und 3 weiter für das Arbeitsfeld Pflege zu qualifizieren. Langfristig läge man bei 80 Prozent - allerdings standen einige Teilnehmer zum Zeitpunkt der Maßnahme noch am Anfang ihres Integrationskurses und verfügten noch nicht über ausreichende Sprachkenntnisse, um Modul 2 absolvieren zu können. Insofern blicken wir gespannt und hoffnungsvoll auf das erste Halbjahr 2019, wo wir erstmals die aufbauenden Module durchführen werden.

Gab es bei der Durchführung des ersten Moduls Herausforderungen, die bewältigt werden mussten?
Eine Herausforderung war sicher die Heterogenität unter den Teilnehmenden, beispielsweise bezüglich der schon vorhanden Deutsch-Kenntnisse. Zudem waren die individuellen Lernerfahrungen sehr unterschiedlich ausgeprägt. So saßen Akademiker neben Menschen, die noch nie eine Schule besucht haben. Eine empathische, individuelle Begleitung und Betreuung war insofern unumgänglich, um eine Art Vertrauensverhältnis zu entwickeln. Die Mühen haben sich gelohnt: Die Stimmung im Kurs war meiner Wahrnehmung nach sehr gut und die Gruppe ist im Laufe der Zeit immer mehr zusammengewachsen. Hilfreich war im Rückblick auch, dass wir bei existenziellen Fragen, zum Beispiel den Status des Asylbewerberverfahrens betreffend, auf ein umfangreiches und kompetentes Netzwerk zurückgreifen können, wie der Migrationsberatung der Caritas. Insgesamt starten wir also gut gewappnet und motiviert in die nächsten Module.

Frau Rüttger, vielen Dank für das Gespräch.