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Im Gespräch: Dirk Hermann von der Diakonie in Südwestfalen

Dirk Hermann ist Referent für Freiwilligendienste bei der Diakonie in Südwestfalen gGmbH in Siegen und koordiniert das seit 2016 laufende Projekt „Pflege kennt keine Grenzen“.

„Unser Ziel ist es, Geflüchteten den Weg in die Pflegeausbildung zu ebnen“

Dirk Hermann ist Referent für Freiwilligendienste bei der Diakonie in Südwestfalen gGmbH in Siegen. Er koordiniert das seit 2016 laufende Projekt „Pflege kennt keine Grenzen“, in dessen Rahmen Menschen mit Fluchthintergrund ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) leisten oder am Bundesfreiwilligendienst (BFD) teilnehmen.

 


Herr Hermann, warum wurde das Projekt „Pflege kennt keine Grenzen“ ins Leben gerufen?
Vor dem Hintergrund des massiven Personalmangels in der Pflege stellten wir uns spätestens Anfang 2016 die Frage, wie wir Menschen mit Fluchthintergrund für die Pflegeeinrichtungen der Diakonie in Südwestfalen qualifizieren können. Aus unserer Sicht ist es sowohl für die Betroffenen als auch für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland wichtig, dass die Betroffenen perspektivisch in eigener Verantwortung ihren Lebensunterhalt hierzulande im Rahmen einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung bestreiten können. Hierfür benötigen die Menschen Ausbildungsplätze – insbesondere die vielen jungen Männer, die im Sommer 2015 nach Deutschland geflüchtet sind. Über das Projekt „Pflege kennt keine Grenzen“ können Geflüchtete im Rahmen eines Freiwilligendienstes das Arbeitsfeld der Pflege kennenlernen und perspektivisch eine Pflegeausbildung in den Krankenhäusern, Pflegeheimen oder ambulanten Diensten der Diakonie in Südwestfalen beginnen. Insofern ist das Projekt ausdrücklich auch ein Ausdruck der gesellschaftlichen Verantwortung des Trägers.

Welche Voraussetzungen müssen die Teilnehmer erfüllen?
Sie müssen mindestens 16 Jahre alt sein und ein grundsätzliches Interesse mitbringen, sich in sozialen Einrichtungen zu engagieren. Wie bei allen anderen Freiwilligendienstlern setzen wir ein gewisses Maß an Tatendrang, Motivation und Neugier voraus. Dafür können die jungen Menschen im Freiwilligendienst eigene Ideen verwirklichen, Kompetenzen weiterentwickeln und die Arbeitswelt der Pflege kennenlernen. Ein grundlegendes Interesse für den Beruf sollte insofern vorhanden sein. Grundlegende Deutschkenntnisse sind auch erforderlich, wobei wir hier nicht so streng sind.

Finden im Rahmen des Projekts Sprachkurse statt?
Im Rahmen des Freiwilligendienstes sollen die Teilnehmer in die Lage versetzt werden, sich anschließend in der Pflege weiter zu qualifizieren. Das ist das zentrale Ziel des Projekts. Ausreichend gute Deutschkenntnisse sind essentiell, um eine Ausbildung erfolgreich absolvieren zu können. Im Rahmen des Projekts besteht die Woche daher aus drei Tagen Praxis und zwei Schultagen. Im Unterricht werden primär Sprachkenntnisse gefördert und pflegerisches Grundwissen vermittelt.

Wie viele Personen haben das Projekt bisher durchlaufen?
Im Herbst 2016 sind die ersten Teilnehmer gestartet; seitdem haben wir pro Jahr acht bis zehn Menschen mit Fluchthintergrund im Projekt. Insgesamt sind es bislang etwa 30 Personen. Die meisten sind Anfang bis Mitte 20. Die am häufigsten vertretenden Länder sind Syrien und Afghanistan; einige kommen auch vom Balkan und aus westafrikanischen Ländern.

Welche Erfahrungen haben Sie bisher gemacht?
Die Erfahrungen sind bislang sehr positiv. Fünf ehemalige Teilnehmer haben das Projekt als Sprungbrett genutzt und befinden sich heute in der dreijährigen Pflegeausbildung: drei im Krankenhaus und zwei in der Altenpflege. Eine weitere Person wird 2019 die Ausbildung beginnen. Drei ehemalige FSJ´ler befinden sich zudem derzeit in Ausbildungen zum Lageristen und zum Frisör. Diese drei jungen Männer stellten während des Projekts fest, dass sie in der Pflege nicht ihre berufliche Zukunft sehen. In solchen Fällen versuchen wir, Alternativen anzubieten, die den Wünschen der Menschen entsprechen.

Welche Herausforderungen sind im Rahmen des Projekts aufgetreten?
Die größte Herausforderung ist der administrative-verwaltungstechnische Aufwand. Es gestaltete sich beispielsweise häufig sehr schwierig, Urkunden, Zeugnisse und andere erforderliche Unterlagen der Teilnehmer von den deutschen Behörden anerkennen zu lassen. Hier mussten wir mehrmals hohe Hürden überwinden, weswegen ich mir vom Verwaltungsapparat hier deutlich mehr Flexibilität und Realismus wünschen würde. Denn wir dürfen nicht vergessen: Es handelt sich um Menschen, die in lebensbedrohlichen Situationen teilweise monatelang auf der Flucht waren. Dass die Betroffenen nicht alle Papiere parat haben, wenn sie in Deutschland eintreffen, liegt doch auf der Hand.

Wie verliefen die Praxiseinsätze?
Sehr problemlos. Das Einfinden in den pflegerischen Bereich ist fast allen Teilnehmern leicht gefallen. Von den Einrichtungen erhielten wir häufig positive Rückmeldungen. Die Abbrecherquote geht gegen null.

Welche Unterstützungsangebote wurden seitens des Trägers angeboten?
Ich fungiere als primärer Ansprechpartner für die Betroffenen und bin sozusagen jederzeit ansprechbar. Im Rahmen des Unterrichts sehe ich die Freiwilligendienstler eh regelmäßig und biete zudem eine Sprechstunde an. Die Teilnehmer wissen, dass sie mich jederzeit auf eine unkomplizierte Art und Weise erreichen können.

Herr Hermann, besten Dank für das Gespräch.